Ich bin mir sehr unsicher, wie ich diesen Blog schreibe. Denn dieser wird so ganz anders als man es von mir gewohnt ist. Wie fange ich an? Welche Überschrift wählt man am besten? An der Stelle wird mir auch bewusst, dass ich keine professionelle Bloggerin bin. Es läuft nicht so einfach – meine Gedanken, meine…

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Gemeinsam gegen das Vergessen / Against forgetting – Auschwitz

Ich bin mir sehr unsicher, wie ich diesen Blog schreibe. Denn dieser wird so ganz anders als man es von mir gewohnt ist. Wie fange ich an? Welche Überschrift wählt man am besten? An der Stelle wird mir auch bewusst, dass ich keine professionelle Bloggerin bin. Es läuft nicht so einfach – meine Gedanken, meine Finger, die drauf los tippen.

I am very unsure about how to write this blog. Because this one is going to be so different from what people are used to from me. How do I start? What is the best headline to choose? At this point I also realise that I am not a professional blogger. It’s not that simple – my thoughts, my fingers, typing away.

Wir hatten einen richtig guten Guide – Barbara, 70 Jahre, die aus Schlesien kommt, sehr gut Deutsch sprach, und den Job eigentlich nicht machen, nur übersetzen wollte. Sie sagte am Ende des Tages: ‚Erzählt zu Hause davon. So etwas darf nie wieder passieren.‘ Und wer nach Krakow kommt, sollte sich auch Auschwitz ansehen.

We had a really good guide – Barbara, 70, who comes from Silesia, spoke very good German, and didn’t really want to do the job, just translate. She said at the end of the day: ‚Tell them about it at home. Something like this must never happen again.‘ And whoever comes to Krakow should also see Auschwitz.

Für Josefine war es das erste Mal. Ich war das erste Mal 1988 hier, ein Jahr vor dem Mauerfall, als ich in meinen Semesterferien in Katowice arbeitete. Makaber: ich wohnte damals in Auschwitz im Wohnheim und wir wurden jeden Tag mit dem Bus zum Werk gebracht, vorbei am KZ Auschwitz I. Wir wussten auch damals schon, was uns erwartet und bereiteten uns irgendwie mental darauf vor. Dennoch war es anders als heute. Was hat sich verändert?

For Josefine it was the first time. I was here for the first time in 1988, a year before the fall of the Wall, when I worked in Katowice during my semester break. Macabre: I lived in a 4dormitory in Auschwitz at the time and we were taken to the factory every day by bus, past the Auschwitz I concentration camp. Even then we knew what to expect and somehow prepared ourselves mentally for it. Nevertheless, it was different from today. What has changed?

Ich bin 35 Jahre älter, Mutter von zwei Töchtern. Seit fast 80 Jahren ist dieser Krieg vorbei, aber die Menschheit scheint nicht dazu zu lernen. Wieviele  sinnlose Kriege gab und gibt es seitdem? Und gar nicht weit von Krakow tobt erneut ein Krieg in Europa. Ich nenne meinen Blogeintrag ‚Gegen das Vergessen‘ und liebe Leser, ja, auch das gehört dazu. Wer das nicht möchte, kann hier aufhören zu lesen.

I am 35 years older, a mother of two daughters. This war has been over for almost 80 years, but humanity doesn’t seem to learn. How many senseless wars have there been since then? And not far from Krakow, another war is raging in Europe. I call my blog entry ‚Against Forgetting‘ and dear readers, yes, that is also part of it. If you don’t want to, you can stop reading here.

Ich buchte für uns beide eine organisierte Tagesfahrt mit Besichtigung des Museums in Auschwitz I und dem Vernichtungslager in Birkenau. Vor 35 Jahren wurden wir nur dort hingebracht und uns selbst überlassen. Keiner erklärte uns, was wir sahen. Es gab keine deutschen oder englischen Guides. Ich meine, dass die Erklärungen und Beschreibungen auch nur in polnisch waren. Das was in deutsch ist, auch heute noch, sind das zynische ‚Arbeit macht frei‘ am Eingang, die Schriftzüge an den Blocks. Wir irrten damals durch die Blocks, sahen uns die Ausstellungen an und kamen auch ohne Erklärungen blass und schweigend aus dem Museum heraus, wurden mit dem Bus nach Birkenau gebracht und hatten dort eine Stunde Zeit, uns alles selbstständig anzusehen, nachdem wir von oben auf dem Eingangstor einen Blick auf das gesamte Ausmaß des Grauens werfen durften und eine eisige SS-Mann-Stimme Befehle aus dem Off gab. Mir lief damals ein Schauer den Rücken herunter und ich schaffte es nur wenige Meter die Rampe entlang.

I booked an organised day trip for both of us to visit the museum in Auschwitz I and the extermination camp in Birkenau. 35 years ago we were just taken there and left to our own devices. No one explained to us what we were seeing. There were no German or English guides. I mean that the explanations and descriptions were also only in Polish. What is in German, even today, is the cynical ‚Arbeit macht frei‘ (‚Work makes you free‘) at the entrance, the writing on the blocks. Back then, we wandered through the blocks, looked at the exhibitions and came out of the museum pale and silent even without explanations, were taken by bus to Birkenau and had an hour there to look at everything on our own, after we were allowed a view of the entire extent of the horror from atop the entrance gate and an icy SS man’s voice gave orders from offstage. A shiver ran down my spine then and I only made it a few metres down the ramp.

Heute ist der Andrang und das Interesse ganz anders. Man kann nur in Gruppe durch all die Anlagen, mit Guide und nach vorheriger Anmeldung. Die Tickets sind sogar personalisiert und werden am Eingang mit Pass / ID abgeglichen. Wir hatten einen polnischen Guide, Barbara übersetzte. Aber eigentlich übernahm sie seinen Part. Sie war so authentisch und kannte auch Zeitzeugen, Überlebende.

Today, the crowds and the interest are quite different. You can only go through all the facilities in a group, with a guide and after prior registration. The tickets are even personalised and are checked with passport / ID at the entrance. We had a Polish guide, Barbara translated. But actually she took over his part. She was so authentic and also knew eyewitnesses, survivors.

Am Morgen hat es geschneit. Es war eiskalt. Als wir in Auschwitz ankamen, zeigte sich blauer Himmel und die Sonne. Wie kriege ich jetzt die Kurve? Ich schreibe von Auschwitz. Da kann ich doch nicht vom Wetter berichten. Das Wetter ist heute völlig egal. Andererseits macht der eisige Wind das Ganze noch authentischer.

It snowed in the morning. It was freezing cold. When we arrived in Auschwitz, the sky was blue and the sun was shining. How do I get my act together now? I’m writing about Auschwitz. I can’t write about the weather. The weather doesn’t matter today. On the other hand, the cold wind makes everything even more authentic.

Es begann mit Auschwitz I, dem Stammlager, was früher erstmal nur als Gefängnis diente und erst mit dem Bau von Birkenau im Jahr 1942 beschlossen wurde, es als Vernichtungslager umzuwandeln. Wir wurden durch die Blocks geführt. Der Schrecken baute sich nach und nach auf: Fotos von Häftlingen, Fotos, die die SS von Birkenau angefertigt hat, illegale Fotos von Häftlingen, Frauenhaare von 40 000 Frauen, blond, braun, schwarz, Zöpfe, Töpfe, Schuhe über Schuhe, Kinderkleidung, Koffer, der Todesblock, in dem man nur im Entenmarsch durchkommt. Am Stacheldrahtzaun ging es entlang zur ersten Gaskammer, die im Stammlager zu Versuchszwecken eingerichtet wurde. Hier wurde Zyklon B erstmalig an sowjetischen Kriegsgefangenen eingesetzt, bevor die Vernichtungsmaschine in Birkenau mit insgesamt 5 solcher Gaskammern startete. Es wird immer bedrückender.

It began with Auschwitz I, the main camp, which had only served as a prison before it was decided to convert it into an extermination camp when Birkenau was built in 1942. We were led through the blocks. The horror built up little by little: Photos of prisoners, photos taken by the SS of Birkenau, illegal photos of prisoners, women’s hair of 40 000 women, blond, brown, black, pigtails, pots, shoes upon shoes, children’s clothes, suitcases, the death block where you can only get through by duck march. We walked along the barbed wire fence to the first gas chamber, which was set up in the main camp for experimental purposes. Here, Zyklon B was used for the first time on Soviet prisoners of war before the extermination machine started in Birkenau with a total of 5 such gas chambers. It becomes more and more depressing.

Im 2 km entfernten Birkenau hat man sich nun auch schon auf den Besucherstrom vorbereitet. 1988 noch auf freiem Feld, heute großer Parkplatz, Besucherzentrum und ausgebaute Straße vor dem Lager. Im Vergleich zu Auschwitz I waren weniger Besucher dort, oder es kam einem nur so vor, denn Birkenau ist viel größer. Man führte uns genau den Weg entlang, den die Juden nehmen mussten, bis ins Gas: 600m über die Rampe, an den Barracken vorbei zu den Ruinen der Gaskammer. Schweigend.

In Birkenau, 2 km away, preparations have already been made for the influx of visitors. In 1988, it was still an open field; today it has a large car park, a visitor centre and an extended road in front of the camp. Compared to Auschwitz I, there were fewer visitors, or it just seemed that way, because Birkenau is much bigger. We were led along the exact path the Jews had to take to the gas: 600m up the ramp, past the barracks to the ruins of the gas chamber. Silently.

Man versucht, die Barracken zu erhalten. Die meisten, vor allem Holzbarracken existieren nicht mehr. Man sieht nur noch die Schornsteinreste. Über anderen sind Restaurationszelte gebaut. Und vereinzelt kann man sich einen Block ansehen. Wir durchquerten das Frauenlager und sahen uns den Kinderblock an. Barbara erzählte die Geschichte einer Überlebenden, die in diesem Block untergebracht wurde. 800 Kinder auf so engem Raum. Mehrere Reihen dreistöckige Holzpritschen. Durch die Fenster pfiff der kalte Wind.

Attempts are being made to preserve the barracks. Most of them, especially the wooden barracks, no longer exist. You can only see the remains of the chimneys. Restoration tents have been built over others. And occasionally you can see a block. We crossed the women’s camp and looked at the children’s block. Barbara told the story of a survivor who was housed in this block. 800 children in such a small space. Several rows of three-storey wooden cots. The cold wind whistled through the windows.

Heute ist hier alles grüne Wiese, damals hatte Gras keine Chance. Es wurde niedergetrampelt oder sogar gegessen. Überlebende berichteten, dass es keinen einzigen Vogel gab. Ratten, Ungeziefer, Läuse. Es stank bestialisch.

Today everything here is green meadow, back then grass didn’t stand a chance. It was trampled down or even eaten. Survivors reported that there was not a single bird. Rats, vermin, lice. It stank beastly.

Obwohl ich nicht das erste Mal hier war, ging es mir erneut an die Nieren. Josefine fühlte sich schlecht, nicht im Sinne von schuldig, sondern so: Wie können wir uns ständig über Kleinigkeiten aufregen und uns über Ungerechtigkeiten beschweren, auf hohem Niveau jammern? Uns über Regen und Kälte beklagen?  Es ging und geht Menschen viel schlechter als uns hier und jetzt. Wir werden uns noch oft und lange über unsere Eindrücke und Gefühle unterhalten und uns die Frage stellen: Wie kann es sein, dass es immer noch Menschen gibt, die denken, dass sie über anderen stehen und über deren Schicksal entscheiden dürfen? Wie können Menschen anderen Menschen so etwas antun?

Although it wasn’t the first time I had been here, it got to me again. Josefine felt bad, not in the sense of guilty, but like this: How can we constantly get upset about little things and complain about injustice, whine at a high level? Complain about rain and cold?  People were and are much worse off than we are here and now. We will talk often and long about our impressions and feelings and ask ourselves the question: How can it be that there are still people who think that they are above others and are allowed to decide their fate? How can people do such things to other people?

1.100 000 Opfer, allein hier in Auschwitz! Und es gibt immer noch Menschen, die das ignorieren, verleugnen, es als Auschwitzlüge bezeichnen.

1,100,000 victims, here in Auschwitz alone! And there are still people who ignore this, deny it, call it the Auschwitz lie.

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