Letzter ganzer Kanadatag. Eine Sache fehlt noch. Fast jeder Kanadatourist war dort. Und wir jetzt auch. Wir haben es uns bis zum Schluss aufgehoben, extra auf regnerisches Wetter gewartet, damit wir von allen Seiten nass werden, damit es sich zum Schluss nochmal richtig lohnt und auch in der Hoffnung, dass an einem regnerischen Dienstag nicht…

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#6 Finale: Niagarafälle / Niagara Falls

Letzter ganzer Kanadatag. Eine Sache fehlt noch. Fast jeder Kanadatourist war dort. Und wir jetzt auch. Wir haben es uns bis zum Schluss aufgehoben, extra auf regnerisches Wetter gewartet, damit wir von allen Seiten nass werden, damit es sich zum Schluss nochmal richtig lohnt und auch in der Hoffnung, dass an einem regnerischen Dienstag nicht so viele Touristen die Niagarafälle besuchen und wir leicht einen Parkplatz für unseren Minipanzer finden.

Last full day of Canada. One thing is still missing. Almost every Canadian tourist has been there. And so have we now. We saved it for last, waiting especially for rainy weather so that we would get wet on all sides, so that it would be really worth it at the end, and also in the hope that on a rainy Tuesday not so many tourists would visit Niagara Falls and we would easily find a parking space for our mini-tank.

Und was soll ich sagen?! Es kam ganz anders, als ich es mir vorgestellt habe. Wie viele Wasserfälle habe ich eigentlich in diesem Urlaub gesehen? Ich kann sie nicht mehr zählen. Die waren alle sehr beeindruckend. Sie erzählen eine Geschichte. Welche Geschichte kann ich über die Niagarafälle erzählen? Es wird spannend, nicht langweilig. Lehnt euch zurück und lest, was uns widerfahren ist.

And what can I say?! It turned out quite differently than I had imagined. How many waterfalls did I actually see on this holiday? I can’t count them any more. They were all very impressive. They tell a story. What story can I tell about Niagara Falls? It will be exciting, not boring. Sit back and read what happened to us.

Wir erreichen nach ca 2-stündiger Autofahrt den Ort Niagara-on-the-Falls. Ich wollte meinen Augen nicht glauben. Was ist das denn? Sind wir in Las Vegas gelandet? Wieso stehen hier Casinos? Warum müssen hier Rummelattraktionen angeboten werden, Hotelburgen stehen? Und das auch noch auf kanadischer Seite. Ich bin entsetzt. Und mittendrin ganz unscheinbar rauscht das Wasser hinunter. Ich fühle mich wie in Disneyland. Wenn das ganze Wasser dann noch nach Chlor gerochen hätte, dann hätte ich an dieses Weltwunder nicht mehr geglaubt. Müsste das nicht ein Nationalpark sein? Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wieviel Geld dort am Tag mit diesen Attraktionen, die ja eigentlich nichts mit diesen weltberühmten Wasserfällen zu tun haben, eingenommen werden.

We reach Niagara-on-the-Falls after a 2-hour drive. I couldn’t believe my eyes. What is this? Have we landed in Las Vegas? Why are there casinos here? Why must there be carnival attractions here, hotel castles? And on the Canadian side, too. I am horrified. And in the middle of it all, quite inconspicuously, the water rushes down. I feel like I’m in Disneyland. If all the water had smelled of chlorine, I would no longer have believed in this wonder of the world. Shouldn’t this be a national park? I don’t even want to imagine how much money is made there every day with these attractions, which actually have nothing to do with these world-famous waterfalls.

Und wir machen bei einer mit. Jeder meint, man muss unbedingt auf ein Boot und sich an die Wasserfälle heranfahren lassen. Na dann probieren wir das mal. Eine Tour dauert 20 Minuten. Tickets kann man online besorgen, dann geht es schneller. Da das Wetter nicht so prickelnd war, kamen wir sogar früher aufs Boot. Sowohl von kanadischer als auch von amerikanischer Seite fahren abwechselnd vier Boote zu den Fällen und bis direkt vor den Horseshoe Fall. Wir beobachten das Treiben erstmal von oben und stellen fest, dass das alles gar nicht so groß ist, wie auf Fotos dargestellt wird. Sind wir wirklich an den Niagarafällen? Oh doch, ja! Die kanadischen Schiffe sind im Vergleich zu den amerikanischen ziemlich verrostet. Oh je! Hätten wir vielleicht doch gleich über die Grenze fahren, und uns dort in ein besseres Boot setzen sollen. Wir hätten dort statt der roten Regencapes, blaue bekommen. Die sahen schicker aus und waren auch besser geschnitten. Hatten auch Ärmel. Die kanadischen waren einfach nur ein Sack.

And we join one of them. Everyone thinks you have to get on a boat and be driven up to the waterfalls. Well, let’s try that. A tour takes 20 minutes. You can get tickets online, so it’s quicker. Since the weather wasn’t that great, we even got on the boat earlier. From both the Canadian and the American side, four boats take turns to go to the falls and right up to the Horseshoe Fall. We watch the hustle and bustle from above and realise that it’s not as big as the photos make it out to be. Are we really at Niagara Falls? Oh yes, we are! The Canadian ships are pretty rusty compared to the American ones. Oh dear! Maybe we should have gone straight across the border and got on a better boat there. We would have got blue rain capes there instead of the red ones. They looked nicer and were better cut. They also had sleeves. The Canadian ones were just a bag.

Und jetzt kommt die eigentliche Geschichte. Leute, ich kam mir auf dem Boot erneut wie ein Flüchtling vor. Zusammengepfercht mit vielen anderen Menschen verschiedenster Nationen, alle im selben roten Poncho auf einem verrosteten Kahn ohne Rettungsweste. Und das auch noch freiwillig. Der rote Poncho hat am Horseshoe Fall nicht viel gebracht. Das Wasser prasselte nur so auf uns herab. Wir hätten vielleicht kurze Hosen und Badelatschen anziehen sollen. Meine Schuhe quietschten vor Nässe, die Hose tropfte. Was man sich doch alles antut, nur um diesem Wasserfall nahe zu kommen. Von amerikanischer Seite wurden wir roten Kanadaponchoträger nicht aufgenommen. Also zurück nach Kanada.

And now comes the real story. Guys, I felt like a refugee again on the boat. Crammed together with many other people from different nations, all wearing the same red poncho on a rusty barge without a life jacket. And voluntarily, too. The red poncho didn’t help much at Horseshoe Fall. The water just pelted down on us. Maybe we should have worn shorts and slippers. My shoes squeaked with wetness, my trousers dripped. The things you go through just to get close to this waterfall. We red Canadian poncho wearers were not accepted by the Americans. So back to Canada we went.

Aber wir haben ja ein ESTA-Visum. Extra gestern Abend noch für 20 Dollar besorgt. Wir setzen uns ins Auto und fahren über die Rainbow-Brücke in die Staaten, nur um die Fälle von der anderen Seite zu sehen, und stehen an. Es geht langsam vorwärts. Meine Güte, was nehmen sich die Amis wieder wichtig. Unfreundlich: “ Woher kommen Sie? Was wollen Sie in den USA? Wie lange sind Sie schon in Kanada?“ Keine Erklärungen. „Fahren Sie auf den Parkplatz. Stellen Sie das Auto ab und gehen Sie im Gebäude links in die 2. Etage.“ Warum wieso? Keine Auskunft. Sie nehmen uns die Pässe ab. Scheinbar sind wir nicht die Einzigen. Es stehen so einige Autos auf dem Parkplatz. Und der Warteraum war voller Menschen aus China, Indien, Pakistan, Polen, Ägypten… Ich kam mir vor wie ein Schwerverbrecher. Man wurde von den Beamten aufgerufen, an einen Schalter geführt. Wieder die gleichen Fragen. Foto, Fingerabdrücke, 6 Dollar bezahlen. Ohne Erklärung. Und am besten fragt man nicht, warum dieses Affentheater. Dann wird man wahrscheinlich gleich in Gewahrsam genommen. Der ganze Prozess hat uns fast anderthalb Stunden gekostet. Ich wäre am liebsten umgedreht und hätte auf den Ausflug auf die andere Seite verzichtet. Aber einmal in dieser Mühle drin, kommt man nicht mehr zurück. So nun hat Flüchtling Sylke im roten Poncho es geschafft in die Staaten zu kommen. Die haben jetzt mein Foto, meine Fingerabdrücke und sind durch mich reicher geworden.

But we have an ESTA visa. We got it mine last night for 20 dollars. So we get in the car and drive over the Rainbow Bridge into the States, just to see the falls from the other side, and stand in line. It’s slow going. My goodness, how important the Americans are again. Unfriendly: „Where are you from? What do you want in the USA? How long have you been in Canada?“ No explanations. „Pull into the car park. Park the car and go inside the building on the left to the second floor.“ Why???? No information. They take our passports. Apparently we are not the only ones. There are quite a few cars in the car park. And the waiting room was full of people from China, India, Pakistan, Poland, Egypt… I felt like a felon. You were called by the officials, led to a counter. Again the same questions. Photo, fingerprints, pay 6 dollars. No explanation. And it’s best not to ask why this charade. Then you’ll probably be taken into custody straight away. The whole process took us almost an hour and a half. I would have preferred to turn around and forego the trip to the other side. But once you’re in this mill, you can’t get back. So now refugee Sylke in the red poncho has made it to the States. They now have my photo, my fingerprints and have become richer because of me.

Wir fahren zur Goat Island weiter. Von dort hat man einen wunderbaren Blick von oben auf die Wasserfälle. Der wilde Fluss Niagara rauscht heran und stürzt in die Tiefe. Hier ist es schon etwas natürlicher als auf kanadischer Seite. Wenn man die Hotels und Casinos ausblendet. Und weiter sind wir nicht gekommen. Es fing an zu gießen. In einem Restaurant mit Blick auf die Wasserfälle ließen wir nochmal viel Geld für schlechtes Essen, einen Kakao und ein Glas Chlorwasser.

We continue to Goat Island. From there you have a wonderful view of the waterfalls from above. The wild Niagara River rushes up and plunges into the depths. It is a bit more natural here than on the Canadian side. If you leave out the hotels and casinos. And that’s as far as we got. It started to pour. In a restaurant with a view of the falls, we spent a lot of money on bad food, a cocoa and a glass of chlorinated water.

Der Regen hörte nicht mehr auf. Er war ungefähr genauso stark wie die Wasserfälle. Wir hatten genug gesehen und fuhren wieder zurück nach Kanada. Die Passkontrolle dauerte fünf Minuten.

The rain did not stop. It was about as heavy as the waterfalls. We had seen enough and drove back to Canada. The passport control took five minutes.

Regenschlacht auch auf der Rückfahrt

Liebe Leser, nicht dass ihr denkt, die Niagarafälle sind ein Reinfall. Nein, es war wieder ein Erlebnis und ein kleines Abenteuer. Mir wurde für einen Moment bewusst, wie sich Menschen fühlen müssen, die auf einem übervollen Boot ein Meer überqueren, nicht schwimmen können, ihr Leben riskieren, um vor Not, Elend, Krieg zu fliehen. Und dann werden sie von uns Weißen behandelt wie der Abschaum.

Dear readers, don’t think that Niagara Falls is a flop. No, it was another experience and a little adventure. For a moment, I became aware of how people must feel who cross an ocean on an overcrowded boat, unable to swim, risking their lives to flee misery, distress and war. And then they are treated like scum by us white people.

Und ja ich habe mir  die Niagarafälle ein bisschen anders vorgestellt. Ich habe sie gesehen und verbinde damit eine besonders verrückte Geschichte am letzten Tag meiner Kanadareise.

And yes, I imagined Niagara Falls a bit differently. I have seen them and associate them with a particularly crazy story on the last day of my trip to Canada.

Morgen geht es wieder in die Heimat. Der Koffer ist gepackt, der Flug eingecheckt. Die letzte Geschichte, die ihr morgen früh lesen könnt, ist nun auch geschrieben. Aber es wird noch weitere geben. Ich bin noch nicht fertig mit Kanada. Freut euch auf weitere Kuriositäten. Bis bald wieder aus Berlin.

Tomorrow we’ll be heading home again. The suitcase is packed, the flight checked in. The last story you can read tomorrow morning has also been written. But there will be more. I’m not done with Canada yet. Look forward to more curiosities. See you soon from Berlin.

2 Antworten zu „#6 Finale: Niagarafälle / Niagara Falls“

  1. Avatar von Heidrun Sourell

    Liebe Sylke,
    ich habe die Niagarafälle 1990 gesehen und war wahrscheinlich schon der Wendezeit wegen extrem begeistert. Der ganze Disneykram stand noch nicht und die Vermarktung hielt sich in Grenzen. Wir (die Betreuer eines Camps in New York) sind damals mit einem Fahrstuhl hinter den Fällen heruntergefahren und haben dann sozusagen dahinter gestanden. (Übrigens gelbe Capes, die das Wasser noch abhielten). Von USA-Seite sind wir damals über die Friedensbrücke auf die kanadische Seite gelaufen. Auch wir brauchten dafür ein Papier, für das wir anstehen und bezahlen mussten. (Die Betreuer aus den USA brauchten das nicht). Mit dem Wetter hatten wir Glück und auch sonst war es ein wahnsinniges Erlebnis.
    Ich schicke dir mal ein altes Foto von damals auf WhatsApp. Leider schon ausgeblichen, aber immer noch eine Erinnerung. Immerhin der lauteste und breiteste aller Wasserfälle, die wir/du gesehen hast.
    Guten Heimflug und vor allem danke für alle deine Berichte, die ich immer schon sehnsüchtig erwartet habe.
    Bis hoffentlich bald👋

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    1. Avatar von rosahellblau

      Es war und ist mir eine Freude, die Ups und Downs dieser wunderbaren Reise mit so vielen Menschen zu teilen. Und ich bin noch lange nicht fertig damit. Ein Urlaub, von dem ich noch lange zehren werde. Und du, liebe Heidrun warst Teil davon, nicht nur in den ersten beiden Wochen. Danke fürs Dabeisein, gamz besonders dir.

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